Nicht alle Ernährungsberater sind Ernährungsexperten

Nicht alle Ernährungsberater sind Ernährungsexperten

Oft verwechseln Leute Ernährungswissenschaft mit dem Beruf des Diätassistenten, und das ist auch nicht weiter schlimm. Wenn mich Freunde und Bekannte ab und an um Rat fragen, helfe ich ihnen gern. Als ich mit dem Studium begann, wusste ich selbst nicht so recht, worauf ich mich mit Ernährungswissenschaften einlasse. Aber in den vergangenen Jahren, in denen ich Tag und Nacht im Labor zubrachte und mit Forschern in einem der renommiertesten Institute für Ernährungswissenschaften in Deutschland zusammenarbeitete, begann ich das tiefe und profunde Wissen zu schätzen, das die Universität vermittelt. Außerdem fühle ich mich dadurch sicherer in dem, worüber ich schreibe.

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Wem kann man vertrauen?

Hier in Deutschland ist der Begriff Ernährungsberater nicht gesetzlich geregelt. Jeder, der sich für Ernährung und einen gesunden Lebensstil interessiert, kann sich selbstständig machen und Ernährungsberater nennen. Daher ist es kein Wunder, dass im Internet Tausende von Mythen, Trends und falschen Fakten kursieren – ohne dass es jemand bemerkt. Höchstwahrscheinlich bist Du schon über viele dieser Artikel gestolpert, die die neueste Diät (mit der man über Nacht abnehmen kann) in den Himmel loben – all das basiert in den wenigsten Fällen auf qualitativen wissenschaftlichen Studien. Das Problem ist , dass die Autoren dieser Artikel meist nicht einmal wissen, wie eine wissenschaftliche Studie aussieht und nicht erkennen würden, ob die Studie, die sie zitieren, gut oder schlecht ist. Keiner dieser selbsternannten „Ernährungsexperten“ hat jemals ein Labor von innen gesehen, Experimente durchgeführt oder selbst eine solche Arbeit geschrieben.

Ich will Ernährungsberater nicht schlecht reden – im Gegenteil – es ist eine Berufsausbildung erforderlich, für die sie bei Bestehen ein offizielles Zertifikat erhalten. Sie verfügen dann über ein profundes Wissen über sämtliche Bereiche der Ernährung, verschiedene Diäten, die Erstellung von Ernährungsplänen und die Behandlung von ernährungsbedingten Krankheiten. Man muss jedoch zertifizierte Ernährungsfachkräfte von Influencern unterscheiden, die Schwierigkeiten haben werden die Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen bewerten zu können und deren Meinungsmache in den sozilaen Medien keine neutrale Grundlage für Ernährungsbildung bietet.

Was ist nun Ernährungswissenschaft?

Auch der Begriff Ernährungswissenschaftler wird ohne Einschränkung weiterverbreitet verwendet. In der Regel verwendet man den Begriff, nachdem man drei bis fünf Jahre an einer Universität studiert hat. Aber auch da gibt es Unterschiede. Allein in Deutschland gibt es ca. 18 Universitäten, an denen man Ernährungswissenschaften studieren kann, aber nur ein Drittel von ihnen bereitet ihre Studenten auf die Forschung vor. Es sind renommierte Universitäten, doch nicht alle Absolventen sind mit wissenschaftlichen Studien und deren Bewertung vertraut.

In der Ernährungswissenschaft geht es darum, die komplexen Mechanismen von Nahrung in unserem Körper bis ins kleinste Detail zu verstehen. Es geht um Biochemie, Physiologie, Toxikologie und Mikrobiologie der Ernährung. In der Forschung versucht man spezifische Fragestellungen aufzuklären – Experimente logisch zu planen, sie im Labor vorzubereiten und durchzuführen, sie auszuwerten, mit Kollegen zu diskutieren und schließlich eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben und zu veröffentlichen. Es geht nicht darum, was man essen sollte, um schlank oder in Form zu bleiben – es geht darum, die biochemischen Wege und Mechanismen der Nahrung zu verstehen, um Empfehlungen für die Bevölkerung zu geben.

Alles hängt miteinander zusammen – die Nahrung beeinflusst den Körper, der Körper gibt uns zu verstehen, was wir brauchen. Beispielsweise können Krankheiten, die einen im hohen Alter belasten, ohne Medikamente behandelt werden – man kann sie schon jetzt durch eine Änderung der Essgewohnheiten verhindern. Der Schlüssel zu einem gesunden Leben liegt darin, zu verstehen, was man isst und was man in seinen Körper einbringt. Die Nahrung die wir essen steht mit allem in Verbindung – mit Gehirn, Muskeln, Blut, Immunsystem und sogar mit dem Alterungsprozess. Es ist ein verzweigtes und komplexes System, das wir gerade erst zu entwirren beginnen.

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Und was macht ein Ernährungswissenschaftler, wenn er schon keine Ernährungspläne erstellt?

Die meisten Kommilitonen, die ich von der Universität kenne, sind in der Forschung geblieben. Das Institut, in dem ich gearbeitet habe, befasste sich mit Ernährung im Zusammenhang mit dem Altern, Toxikologie und Diabetesforschung. Um zentrale Fragestellungen zu beantworten, sind oft mehrjährige Experimente im Labor notwendig. Das tagtägliche Arbeiten beinhaltet neben Laborarbeiten und Recherchen auch die Teilnahme an Konferenzen und die Lehre. Während meiner Masterarbeit führte ich eine Studie durch, um zu untersuchen, ob eine hohe Proteinzufuhr positive Auswirkungen auf das viszerale (Bauch-)Fett und die Leber hat. Für diese Experimente habe ich Gewebeproben von Patienten der Charité in Berlin untersucht – denn klinische Studien mit Patienten sind essentiell, um verlässliche Aussagen treffen zu können.

Obwohl ich es sehr mochte, selbstständig im Labor zu arbeiten, nach Antworten zu suchen und Unbekanntes zu entdecken, war es auslaugend und oft nicht lohnend. 90 % der Experimente, die man durchführt, schlagen fehl, und die anderen 10 % enden mit „kein signifikanter Unterschied“. Es ist ungeheuer harte Arbeit und auf lange Sicht nichts für mich. Obwohl ich fachlich interessiert war, waren die 12-Stunden-Labortage nichts für mich, wochen- und monatelang auch sonntags zu arbeiten und am Ende mit wenigen Ergebnissen dazustehen. Ich bin daher aus der Forschung in die Industrie gewechselt (arbeiten muss man trotzdem…) und entwickle Analysemethoden für Pestizidrückstände in Lebensmitteln.

Die Forschungsarbeit hat mir gezeigt, wie schwierig es sein kann, einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben und wir komplex das Feld der Ernährungswissenschaft ist. Es hat mich vorbereitet, um anderen zu helfen, Ernährung und ihren eigenen Körper zu verstehen.

Ich möchte Dich bitten, darauf zu achten, was Du über Ernährung ließt. Pseudo-Fakten gibt es überall. Es ist ein Dschungel und Du bist mittendrin.

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